Neue Regeln zur funktionalen Gliederung der Verkehrsnetze und zur Bewertung der Angebotsqualität

Die Richtlinien für integrierte Netzgestaltung, RIN, Ausgabe 2008 (1) beschreiben wie schon die aus dem Jahr 1988 stammenden Richtlinien für die Anlage von Straßen – Teil: Netzgestaltung, RAS-N die Schritte der funktionalen Gliederung des Verkehrsnetzes und der Qualitätsvorgaben zur Gestaltung von Verkehrsnetzen und Netzelementen und erweitern diese um die Bewertung der verbindungsbezogenen Angebotsqualität und um Qualitätsvorgaben für die Gestaltung von Verknüpfungspunkten. Damit stellen die RIN eine methodische Planungshilfe für die integrierte Verkehrsplanung dar und können Eingang in Bedarfspläne, Verkehrsentwicklungspläne, Einzelverkehrspläne sowie Nahverkehrspläne oder Raumordnungs- und Landesentwicklungsprogramme finden.

Einführung

Die RIN sind in der Systematik der FGSV-Ver-öffentlichungen der „R1-Kategorie“ zugeordnet und haben damit eine hohe Verbindlichkeit. Mit dem Allgemeinen Rundschreiben Nr. 21/ 2008 gibt das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung die RIN bekannt und bittet sie für den Bereich der Bundesfernstraßen anzuwenden. Im Bereich des Straßenverkehrsnetzes sind die Regeln zur funktionalen Gliede-rung und die Qualitätsvorgaben neu gefasst, klarer strukturiert und so aufgebaut, dass eine optimale Verknüpfung mit den neuen Entwurfs-regelwerken für Autobahnen, Landstraßen und Stadtstraßen gewährleistet ist.

Für den Öffentlichen Verkehr, den Radverkehr und den Fußgängerverkehr wurden neue verbindungsbezogene Gliederungen der Verkehrsnetze und Qualitätsvorgaben in Anlehnung an die Systematik im Bereich des Straßenverkehrsnetzes definiert.

In den RIN werden darüber hinaus relevante Kriterien und die zugehörigen Kenngrößen für die Bewertung der verbindungsbezogenen Angebotsqualitäten dargestellt und Methoden zur Ermittlung der Kennwerte erläutert. Eine Bewer-tung ist notwendig, wenn bei bestehenden Verkehrsnetzen die Qualität der vorhandenen Verbindungen analysiert und dabei festgestellte Mängel lokalisiert werden sollen. Diese Mängel können Anlass für eine Planung von Maßnahmen zur Verbesserung der Angebotsqualitäten sein. Die dargestellten Orientierungswerte können als erster Anhalt für eine Bewertung bestehender Netze dienen. Dabei ist vom zuständigen Entscheidungsträger festzulegen, welche Stufe der Angebotsqualität als akzeptabel und damit letztlich als Zielgröße für Netzkonzepte gelten soll.

Die neuen RIN bieten Planern und Entscheidungsträgern hilfreiche Grundlagen zur Koordination, Kooperation und Funktionsergänzung der einzelnen Verkehrsteilsysteme.

Die Ziele der RIN sind

Mit den RIN können bestehende Verkehrsangebote analysiert und bewertet sowie Netzkonzepte für zukünftige Verkehrsangebote entwickelt werden. Diese Arbeitsschritte sind in der Verkehrsplanung als Schwachstellenanalyse und Entwicklung von Maßnahmenkonzepten zu verstehen. Sie finden Eingang in Bedarfspläne des Bundes und der Länder, in kommunale Verkehrsentwicklungspläne, in Einzelverkehrspläne wie Nahverkehrspläne sowie in Raum-ordnungs- und Landesentwicklungsprogramme. Für die gesetzlich verpflichtende Aufstellung von Nahverkehrsplänen bieten die RIN dabei erstmals die Möglichkeit, systematisch einheitliche Netzstrukturen zu schaffen bzw. vorzuhalten.

Funktionale Gliederung des Verkehrsnetzes und Qualitätsvorgaben

Die funktionale Gliederung des Verkehrsnetzes ermöglicht eine Bündelung der Verkehrsströme und damit eine Neuordnung des Netzes, die sich den zukünftigen Rahmenbedingungen (z.B. demographische Entwicklung, etwaige Finanzkrise, notwendige Energieeffizienz) optimal anpasst. Die funktionale Gliederung des Verkehrs-netzes, verbunden mit einer Stärkung des Sys-tems Zentraler Orte, unterstützt die Entwicklung von Siedlungsachsen und Verdichtungsräumen.

Aufgabe der funktionalen Gliederung der Verkehrsnetze ist es, die für Planung, Entwurf und Betrieb der Verkehrsinfrastruktur maßgebenden Verkehrswegekategorien festzulegen. Sie ermöglicht es, einzelne Netzabschnitte abhängig von der Verbindungsbedeutung sowie dem städtebaulichen und natürlichen Umfeld zu ka-tegorisieren und dementsprechend funktionsgerecht zu gestalten. Die Anwendung der funktionalen Gliederung kann dabei zu Neubau-, Umbau- und Ausbauerfordernissen (einschließ-lich Rückbau) führen.

Zentrale Orte

Ausgangspunkt der funktionalen Gliederung bildet das System der Zentralen Orte. Je nach Bedeutung der zentralen Versorgungsfunktionen und der Größe des Versorgungsbereiches / Ausstrahlungsbereiches unterscheiden die RIN Zentren verschiedener Stufen:

Das Raumordnungsgesetz (ROG) benennt als eine Leitvorstellung die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Teilräumen. Aus darauf basierenden Vorgaben der MKRO sind konkrete Vorgaben für die Erreichbarkeit Zentraler Orte von den Wohnstandorten aus abgeleitet worden. Dabei wird zwischen dem motorisierten Individualverkehr und dem öffentlichen Verkehr differenziert. Das Bild benennt Zielvorgaben für die Erreichbarkeit Zentraler Orte untereinander. Zu beachten ist, dass die Zielgrößen Zu- und Abgangszeiten enthalten. Durch die Einhaltung dieser Zielgrößen soll die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit zentralen Einrichtungen sichergestellt werden.

Das System Zentraler Orte dient als Grundlage zur Festlegung der Verbindungsbedeutung, die ausgedrückt in Verbindungsfunktionsstufen in Luftliniennetzen zusammengestellt werden. Aufbauend auf den Luftliniennetzen werden die Verbindungsfunktionsstufen je Verkehrssystem auf die Verkehrswege übertragen.

Mit einer geeigneten Übertragung der Verbindungsfunktionsstufen in die Verkehrsnetze können auch die Entwicklungsmöglichkeiten eines Verkehrssystems besonders unterstützt werden. Dabei kann die Verbindungsfunktionsstufe einer Verbindung in einem Verkehrssystem gegenüber einem anderen Verkehrssystem aufgewertet oder abgestuft werden. Insofern bieten die RIN an dieser Stelle die Möglichkeit einer „echten“ integrierten Netzgestaltung unter Berücksichtigung von Interdependenzen zwischen den Verkehrsteilsystemen.

Radverkehr

Neu ist in den RIN auch die Vorgabe, dass bei der Zuordnung der Luftlinienverbindungen des Radverkehrs zu Netzabschnitten die Luftlinienverbindungen jeweils zwei verschiedenen Routen zugeordnet werden sollen. Eine der beiden Routen sollte dabei für den Alltagsverkehr möglichst umwegfrei, die andere für den freizeitbezogenen Radverkehr unabhängig vom Straßenverkehr möglichst attraktiv geführt werden

Verbindungsfunktionsstufen

Die Verbindungsfunktionsstufen werden mit Kategorien von Verkehrswegen verknüpft. Im Straßenverkehr werden die Kategoriengruppen nach den Kriterien

unterschieden. Durch diese neue Definition ist nun eine eindeutigere Differenzierung von Hauptverkehrs- und Erschließungsstraßen sowie von Qualitätsvorgaben für Autobahnen und Landstraßen möglich. Die übrigen Regelwerke nehmen diese Systematik auf, so dass beispielsweise bei der Planung von Landstraßen nicht mehr nach Entwurfsgeschwindigkeiten, sondern nach Entwurfsklassen differenziert wird, die sich unmittelbar aus der Straßenkategorie nach RIN ergeben. Entsprechend der funktionalen Gliederung des Straßennetzes werden die Netze des Öffentlichen Personenverkehrs, des Radverkehrs und des Fußgängerverkehrs in den RIN funktional gegliedert. Dabei wird die Charakteristik der Verkehrswege des Öffentlichen Personenverkehrs im Wesentlichen von der Betriebsform bestimmt, die von der Art des Fahrwegs geprägt wird (siehe nächstes Bild).

Spezielle verbindungsbezogene Qualitätsvorgaben werden in den RIN für die Luftliniengeschwindigkeiten zwischen Zentralen Orten ausgedrückt in Fahrgeschwindigkeiten für die einzelnen Netzabschnitte des Kfz-Verkehrs, des Öffentlichen Verkehrs und des Radverkehrs aufgestellt. Die angestrebten Fahrgeschwindigkeiten bilden Vorgaben für den Ausbauzustand eines Verkehrsweges nach den Entwurfsrichtlinien, insbesondere für die Linienführung, die Querschnittsausbildung, die Knotenpunktgestaltung und die Zielgrößen für die angestrebten Fahrgeschwindigkeiten des Alltagsradverkehrs. Diese beinhalten auch die notwendigen Wartezeiten an Knotenpunkten.

Bewertung der verbindungsbezogenen Anbindungsqualität

Die RIN enthalten erstmals Kriterien und Kenngrößen zur Bewertung der verbindungsbezogenen Angebotsqualität. Allgemein gültige Qualitätsvorgaben für die relevanten Kriterien der Angebotsqualität werden allerdings nicht ausgewiesen, solche fallen letztlich als verkehrspolitische Setzung in die Zuständigkeit der jeweiligen Entscheidungsträger. Die in einem Anhang der RIN dargestellten Orientierungswerte für die Kenngrößen Luftliniengeschwindigkeit, Reisezeitverhältnis, Umwegfaktor und Umsteigehäufigkeit können als erster Anhalt für eine Bewertung bestehender Netze dienen.

Prinzipiell können den berechneten Kenngrößen jeder Verbindung Anhaltswerte gegenüber gestellt werden, wobei diese nach 6 Stufen der Angebotsqualität (SAQ) unterschieden sind. Dieses Vorgehen verbessert durch eine einheitliche Bewertungsskala die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Beurteilungs-gesichtspunkte, macht so die Relevanz der Bewertung deutlich und führt zu einer leichteren und überprüfbareren Abwägung bei den Entscheidungsträgern.

Durch einen Vergleich der berechneten Kenngrößen mit den Anhaltswerten ist es möglich, für einzelne Verkehrssysteme oder Kombinationen von Verkehrssystemen Relationen mit guter und schlechter Angebotsqualität zu erkennen. Diese relationsfeine Bewertung ist Grundlage für eine Mängelanalyse, bei der Ursachen von Mängeln lokalisiert werden. Ziel der Mängelanalyse ist es, Netzelemente zu identifizieren, deren Veränderung für viele, insbesondere mangelhafte Relationen eine bessere Angebotsqualität bewirkt. Die Qualitätsstufen für die Luftliniengeschwindigkeit für eine vergleichende Bewertung zwischen Pkw-Verkehr und Öffentlichem Verkehr ermöglichen in Abhängigkeit von der Luftlinienentfernung eine Einstufung der Qualität von Verbindungen.

Ausblick

Die neuen Regeln für die Netzgestaltung und -bewertung werden sich nach einer Einführungsphase in der Praxis etablieren und bewähren müssen. Gerade im Bereich des Öffentlichen Verkehrs sowie des Radverkehrs wird hiermit Neuland beschritten, so dass zunächst eine Gewöhnung an neue verbindungsbezogene Gliederungen, Bewertungen und Qualitätsvorgaben erfolgen muss. Auch nach Veröffentlichung der RIN werden weitere Aspekte der Netzgestaltung und -bewertung offen bleiben, wissenschaftlich zu hinterfragen und zu erforschen sein. Drei neue Arbeitskreise im Arbeitsausschuss „Netzgestaltung“ widmen sich daher Anwendungsbeispielen der RIN, der Weiterent-wicklung der Methodik sowie weiteren Empfeh-lungen insbesondere zur innerörtlichen Netzgestaltung. Erste Arbeiten zu einer „RIN Güterverkehr“, die in Vertiefung der bisherigen Vorgaben die besonderen Belange des Güterverkehrs berücksichtigen soll.

In Kürze

Die neuen „Richtlinien für integrierte Netzgestaltung“ (RIN, Ausgabe 2008) sind veröffentlicht. Sie bilden die Mutter- oder Dachrichtlinien einer neuen Generation von Regelwerken der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen. Sie ersetzen die aus dem Jahr 1988 stammenden „Richtlinien für die Anlage von Straßen, Teil: Leitfaden für die funktionale Gliederung des Straßennetzes“ (RAS-N) und dehnen sie auf die integrierte Betrachtung aller Verkehrsteilsysteme aus. Die RIN greifen die Ziele der Landesplanung und Raumordnung für die Erreichbarkeit der Zentralen Orte auf und leiten die funktionale Gliederung der Verkehrsnetze aus der zentralörtlichen Gliederung ab. Sie ermöglichen eine verkehrsträgerspezifische und -übergreifende Betrachtung des Verkehrsnetzes und liefern bundesweit einheitliche Verfahren und Standards für Systemanalysen und -vergleiche. Die neuen Regeln zur Bewertung und Gestaltung bieten Planern und Entscheidungsträgern hilfreiche Grundlagen zur Koordination, Kooperation und Funktionsergänzung der einzelnen Verkehrsteilsysteme.

Quellennachweis:

1) Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen: Richtlinien für integrierte Netzgestaltung, RIN, Ausgabe 2008, Köln 2008

Weitere Informationen:

 

Dieser Artikel von Prof. Dr. Jürgen Gerlach ist in mobilogisch! , der Vierteljahres-Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung, Heft 1/2009, erschienen. Prof. Dr. Jürgen Gerlach ist Professor an der Bergischen Universität Wuppertal Fachbereich Bauingenieurwesen Lehr- und Forschungsgebiet Straßenverkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik.

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